Zwischen Nähe und Freiheit – die Dynamik von Abhängigkeit

In meinen Sitzungen erlebe ich immer wieder Paare, die zwischen dem Wunsch nach Nähe des einen und dem Bedürfnis nach individueller Freiheit des anderen aufgerieben werden. Dieses Spannungsfeld kann herausfordernd sein, aber es birgt auch die Chance für persönliches und gemeinsames Wachstum. Der Psychologe Klaus Eidenschink beschreibt ein daraus entstehendes Dilemma treffend:

Die (fatale) Neigung, in Beziehung die eigene Freiheit oder die des anderen unnötig einzuschränken, ist einer der Gründe, wieso in Beziehungen ein Machtkampf entbrennt. [1]

Zu viel Nähe kann erdrückend wirken, zu viel Freiheit kann entfremden. Doch wie finden wir die richtige Balance?

Heute möchte ich mit euch die Formen von Beziehung erkunden, die diese Dilemmata wiederspiegeln und Wege aufzeigen, wie ihr von einschränkenden Mustern hin zu einer gesunden Balance von Nähe und Freiheit, der sogenannten Interdependenz gelangen könnt.

Die drei Formen von Beziehungen

1. Wenn das eigene Wohl vom anderen abhängt

Wenn du glaubst, du kannst nicht ohne jemanden leben, bist du nicht in einer Beziehung – du bist in einer Abhängigkeit.[2]

Co-Abhängigkeit ist ein Muster, das ich häufig bei Paaren beobachte. Es äußert sich darin, dass das eigene Wohlbefinden stark vom Partner abhängt.

Dies kann sich entweder so äußern, dass du die Bedürfnisse des anderen über die eigenen stellst, oft aus Angst vor Ablehnung oder Verlust. Auf Dauer geht dabei ein wichtiger Teil von dir selbst verloren. Vielleicht hast du auch gar keinen Zugang zu deinen Bedürfnissen.

Oder Du erwartest vom anderen, dass er deine Bedürfnisse befriedigt. Allerdings kann dieser sich noch so viel Mühe geben. Was er gibt, ist nie genug. Du erscheinst deinem Partner dann vielleicht als bedürftig.

Typische Anzeichen:

  • Du fühlst dich verantwortlich für die Gefühle und Probleme deines Partners.
  • Deine eigenen Bedürfnisse stellst du hinten an, um Konflikte zu vermeiden.
  • Ohne die Bestätigung deines Partners fühlst du dich unsicher oder wertlos.

Wege aus der Co-Abhängigkeit:

  • Selbstreflexion: Frage dich, warum du deine Bedürfnisse zurückstellst. Welche Ängste oder Glaubenssätze liegen diesem Verhalten zugrunde?
  • Bedürfnisse erforschen: Falls du deine Bedürfnisse gar nicht klar erkennen kannst, mach dich auf die Reise, diese zu erforschen.
  • Grenzen setzen: Lerne, „Nein“ zu sagen und deine eigenen Bedürfnisse zu kommunizieren.
  • Selbstverantwortung übernehmen: Erkenne den Unterschied zwischen einem Wunsch und einer Erwartung an deinen Partner. Dein Partner kann sich dafür entscheiden, deinen Wunsch zu erfüllen. Aber verantwortlich dafür ist er nicht.
  • Unterstützung suchen: Ein Coach oder eine Therapeutin kann dir helfen, deine alten Muster zu erkennen und neue Wege zu gehen.

2. Unabhängigkeit – Die Phase der Selbstfindung

Nach einer schmerzhaften Erfahrung mit Co-Abhängigkeit sehnen sich Menschen häufig nach völliger Autonomie.

Diese Phase der Selbstfindung ist auch sehr wichtig, um sich selbst besser kennen zulernen und die eigenen Bedürfnisse zu erforschen. Allerdings kann ein Übermaß an Unabhängigkeit auch zu Isolation und Entfremdung vom Partner führen.

Mögliche Anzeichen:

  • Du vermeidest emotionale Nähe, um nicht verletzt zu werden.
  • Jeder lebt sehr autark sein eigenes Leben.
  • Konflikte entstehen nicht oder nur selten.
  • Entscheidungen triffst du oft alleine, ohne deinen Partner einzubeziehen.
  • Du hast Schwierigkeiten, um Hilfe und Unterstützung zu bitten und diese anzunehmen.

Balance finden:

  • Vertrauen aufbauen: Lerne, dich Schritt für Schritt auf deinen Partner einzulassen und mehr Vertrauen zu entwickeln. Binde deine Partnerin in Entscheidungsfindungen ein oder bitte sie um Rat für eine Entscheidung.
  • Kommunikation: Teile deine Ängste und Bedürfnisse offen mit deinem Partner. Auch wenn du dich dabei verletzlich fühlst.
  • Neue Erlebnisse: Schaffe gemeinsame Erfahrungen, in denen ihr aufeinander angewiesen seid. Oder formuliere eine Bitte um Unterstützung und erlebe, wie dies eure Bindung stärkt.

3: Interdependenz – Die Balance zwischen Ich und Wir

Interdependenz ist das Ziel einer gesunden Beziehung. Es bedeutet, dass beide Partner ihre Individualität bewahren und gleichzeitig eine tiefe Verbundenheit pflegen. In einer interdependenten Beziehung unterstützen sich die Partner gegenseitig in ihrem Wachstum und erkennen die Bedürfnisse des anderen an, ohne sich selbst aufzugeben. Sie erkennen an, dass sie in einem gesunden Maß voneinander abhängig sind. Nicht weil sie dies müssen, sondern weil sie sich in ihrer Partnerschaft dafür entschieden haben und dies so wollen.

Typische Merkmale:

  • Beide Partner können alleine glücklich sein, wählen aber bewusst das Miteinander.
  • Es besteht eine offene und ehrliche Kommunikation über Gefühle und Bedürfnisse.
  • Konflikte werden als Chance für gemeinsames Wachstum gesehen.
  • Freiheit und Verbundenheit haben gleichermaßen Raum

Wege zur Interdependenz:

  • Selbstbewusstsein stärken: Arbeite an deinem Selbstwertgefühl und erkenne deinen eigenen Wert unabhängig von der Beziehung.
  • Gemeinsame Ziele setzen: Findet gemeinsame Visionen und Ziele, die euch als Paar verbinden.
  • Achtsamkeit praktizieren: Seid im Umgang miteinander achtsam und respektvoll, um die Bedürfnisse beider Partner wahrnehmen zu können.

Der Autor und Beziehungsexperte Matthew Hussey bringt es auf den Punkt:

Eine gute Beziehung ist kein Gefängnis. Sie ist ein sicherer Hafen, in den du gern zurückkommst. [3]

Fazit: Der Weg zu einer gesunden Beziehungsdynamik

Der Weg hin zur Interdependenz ist kein geradliniger Prozess – er ist ein Tanz zwischen Nähe und Freiheit. Manchmal kommen wir uns zu nah und brauchen Luft zum Atmen, manchmal entfernen wir uns zu weit und sehnen uns nach Verbindung. Dieser Tanz erfordert Mitgefühl, Selbstreflexion, Geduld und Mut.

Vielleicht erkennst du dich in einer der beschriebenen Dynamiken wieder. Vielleicht spürst du, dass du dich nach mehr Tiefe, Freiheit oder Verbundenheit in deiner Beziehung sehnst. Wo auch immer du gerade stehst: Es ist nie zu spät, bewusster zu lieben und neue Wege zu gehen.

Wenn wir lernen, diesen Tanz mit Achtsamkeit zu führen – mit offenen Augen und einem offenen Herzen – dann kann daraus eine tiefe, lebendige Liebe entstehen.

Was ist dein nächster Schritt?

Foto: freepik

Quellen:

[1] Klaus Eidenschink: „Freiheit in Paarbeziehungen“. metatheorie-der-veraenderung.info

[2] Mark Groves: „How to break free from codependency“

[3] Matthew Hussey: „Love Life & Relationship Advice“

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