Was Erwartungen mit uns machen und warum Selbstverantwortung befreit
„Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind, wir sehen sie, wie wir sind.“ Anaïs Nin
Es ist euer Jahrestag. Schon Tage vorher hast du daran gedacht, ein kleines Geschenk vorbereitet, dir innerlich den Moment ausgemalt, wie es sein wird, wenn er strahlend nach Hause kommt und dich in die Arme nimmt. Wird er Blumen mitbringen? Oder dich spontan zum Abendessen einladen?
Doch als er dann da ist, nimmt der Abend seinen gewohnten Lauf.
Und da ist sie – diese leise Enttäuschung: „Hat er etwa vergessen, was heute für ein Tag ist?“
Wir alle kennen solche Momente. Situationen, in denen wir plötzlich merken, dass wir still und heimlich ein Drehbuch geschrieben haben – mit klaren Anweisungen, wann wer was zu sagen, zu tun oder zu fühlen hat.
Nur: dein Partner hat dieses Drehbuch nie gesehen. Geschweige denn ihm zugestimmt.
Erwartungen sind genau das: unsichtbare Verträge, von denen wir glauben, sie seien selbstverständlich. Sie geben uns Sicherheit. Sie gaukeln uns vor, dass wir Kontrolle haben. Und doch blockieren sie genau das, was wir uns am meisten wünschen: freie, lebendige Verbindung.
In diesem Beitrag möchte ich mit dir hinschauen, was Erwartungen in uns auslösen, wie wir sie uns bewusst machen und transformieren können. Damit die Liebe nicht zur Pflichtübung wird, sondern einen Raum schafft, in dem wir einander aus freiem Herzen beschenken.
1. Wie Erwartungen entstehen
Erwartungen sind wie stille Begleiter in unseren Beziehungen. Sie geben uns das Gefühl von Sicherheit, Vorhersehbarkeit – und scheinbarer Kontrolle über das, was uns begegnet. Gerade in Liebesbeziehungen sehnen wir uns nach Beständigkeit und Verlässlichkeit. Erwartungen scheinen diese Sehnsucht zu stillen, indem sie uns zeigen, was wir vom anderen bekommen sollten.
Doch diese Sicherheit hat einen Preis. Denn Erwartungen entstehen selten aus dem Moment heraus. Sie wachsen aus unseren früheren Erfahrungen, Prägungen und unbewussten Glaubenssätzen. Schon in der Kindheit lernen wir, wie wir geliebt und anerkannt werden. Manchmal haben wir erlebt, dass Zuwendung an Bedingungen geknüpft war – daraus entsteht ein inneres Drehbuch, das uns sagt: „So muss Beziehung sein.“
Diese Drehbücher werden zusätzlich genährt von gesellschaftlichen Normen, von Filmen, Büchern und sozialen Medien, die uns vorgaukeln, wie Liebe „richtig“ funktioniert. So verweben sich persönliche Erfahrungen und kollektive Vorstellungen zu einem festen Netz an Erwartungen. Die uns einengen und Druck erzeugen, beim anderen und bei uns selbst. So und nicht anders soll die Situation sich entwickeln, soll die Partnerin reagieren. Und wenn dies nicht passiert, fühlt es sich an, als würde ein Teil von uns abgelehnt.
Statt den Ursprung dieser Erwartungen zu hinterfragen, halten wir oft unbewusst daran fest. Weil es leichter scheint, an vertrauten Vorstellungen festzuklammern, als die Unsicherheit auszuhalten, die entsteht, wenn wir sie loslassen und dem Fluss des Lebens vertrauen.
Treffend formuliert hat dies unter anderem Shakespeare. Zumindest wird ihm das Zitat zugeschrieben:
„Erwartung ist die Wurzel allen Kummers.“
2. Erwartungen bewusst machen – Der erste Schritt zur Selbstverantwortung
Der erste Schritt im Umgang mit Erwartungen ist, sie überhaupt wahrzunehmen. Oft schleichen sie sich so leise ein, dass wir sie erst spüren, wenn die Enttäuschung schon da ist. Deshalb lohnt es sich, innezuhalten und aufmerksam hinzuschauen:
✨ Woher kommt deine Enttäuschung? Steckt eine Erwartung an deinen Partner dahinter?
🌍 Welche eigenen Erfahrungen oder kulturellen Normen könnten diese beeinflusst haben?
💔 Wie fühlst du dich, wenn dein Partner diese Erwartungen nicht erfüllt?
Oft geben wir mit Erwartungen unbewusst die Verantwortung für die Erfüllung unserer Bedürfnisse an den anderen ab. Wir erwarten, dass er oder sie uns glücklich macht oder uns Sicherheit gibt. Doch mit der Bewusstwerdung dieser Erwartungen können wir die Verantwortung zurück zu uns holen: Wir entmachten sie ein Stück weit und erkennen, dass wir selbst für unser Wohlbefinden sorgen dürfen.
„Solange du das Unbewusste nicht bewusst machst, wird es dein Leben bestimmen – und du wirst es Schicksal nennen.“ Carl Gustav Jung
Manchmal helfen Tagebuchschreiben, Meditation oder Gespräche mit vertrauten Menschen, um Klarheit zu gewinnen. Du kannst auch mit deiner Partnerin darüber sprechen, welche scheinbaren Erwartungen von Dir sie spürt. Selbst wenn diese dich überraschen, spüre erst einmal hinein. Könnte es vielleicht eine unbewusste Erwartungshaltung sein?
Dieser bewusste Umgang schafft Raum für ehrliche Kommunikation und Verständnis.
3. Erwartungen in Wünsche verwandeln – Der Weg zu mehr Freiheit
Wenn wir uns unserer Erwartungen bewusst werden, öffnet sich die Möglichkeit, sie in Wünsche zu verwandeln.
Wünsche sind Ausdruck unserer Bedürfnisse, jedoch ohne Anspruch oder Zwang. Sie laden den anderen ein, darauf einzugehen – dürfen aber auch abgelehnt werden.
Dieser Wandel schafft Raum für echte Begegnung, denn Wünsche lassen Freiheit und Verantwortung auf beiden Seiten spürbar werden. Du gibst deinem Partner die Chance, dich aus Liebe und eigenem Antrieb zu beschenken – nicht aus Pflicht oder Druck.
So kann aus dem stillen Drehbuch ein lebendiger Dialog werden, der Vertrauen und Nähe fördert.
Um Erwartungen in Wünsche zu verwandeln, kannst du folgende Schritte ausprobieren:
- Erkenne den Unterschied: Wenn du merkst, dass du eine Erwartung hast, z.B. „Den ganzen Tag schon ist er so distanziert, er muss mich doch endlich mal umarmen“, erforsche in einem inneren Dialog, wie du daraus einen Wunsch machen kannst. Wenn dir Schreiben hilft, notiere deine Erwartung für dich und formuliere sie um.
- Bereite dich innerlich auf ein Nein vor: Überlege dir, wie du reagieren möchtest, falls dein Partner Nein sagt. Wie kannst du alternativ dafür sorgen, dass dein Bedürfnis erfüllt wird? Kannst du es dir selbst erfüllen oder gibt es Freunde oder Verwandte, die du um Unterstützung bitten kannst? Ein Nein ist keine Abwertung deines Wunsches – es ist ein ehrlicher Ausdruck der Freiheit des anderen.
- Kommuniziere offen und wertschätzend: Teile deinen Wunsch klar mit, ohne Vorwürfe oder Forderungen. Nutze Ich-Botschaften, z. B. „Ich habe gerade das Bedürfnis nach Nähe. Können wir uns umarmen?“
- Bleibe im Dialog: Wenn dein Wunsch nicht erfüllt wird, frage neugierig und zugewandt nach den Gründen – ohne Druck. So bleibt die Verbindung offen und lebendig.
- Selbstfürsorge: Kümmere dich auch gut selbst um deine Bedürfnisse, statt sie nur vom Partner erfüllen zu lassen. Das entlastet beide und stärkt die Beziehung.
Dies ist ein Weg, der Mut, Achtsamkeit und Übung braucht. Hab dabei Geduld mit dir selbst und dem anderen. Vielleicht siehst du dich als neugierigen Forscher auf diesem Gebiet, der sich über jede neue Erkenntnis freut. Und sei milde mit dir, wenn sich über die Hintertür mal wieder eine Erwartung eingeschlichen hat.
Vom Müssen zum Wollen – ein Plädoyer für Freiheit in der Liebe
„Freiheit bedeutet, die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.“ Victor Frankl
Erwartungen sind menschlich. Sie zeigen uns, was uns wichtig ist, was wir uns wünschen, wonach wir uns sehnen. Doch sie werden dann zur Last, wenn wir glauben, der andere müsse sie automatisch erfüllen.
Wenn wir Verantwortung für unsere Bedürfnisse übernehmen und den anderen nicht verpflichten, holen wir uns ein Stück Freiheit zurück – und geben sie zugleich dem anderen. Wir verabschieden uns von starren Drehbüchern und schaffen Raum für ein lebendiges Miteinander, das auf Freiwilligkeit und echter Zuwendung aus dem Herzen heraus beruht.
💛 Wie fühlt sich der Gedanke an, dass Liebe vor allem dann lebendig bleibt, wenn sie frei sein darf?
Foto: @SigrunWegner
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Dieser Text ist in Co-Kreation entstanden: Meine Gedanken, Erfahrungen und mein Herzblut – unterstützt durch ChatGPT, um meine Worte noch klarer und zugänglicher zu machen.
